Er schätzte es, wenn man ihm auf gleicher Augenhöhe begegnete. Und obschon er schon oft herablassend behandelt worden war, hielten sich die meisten daran und schraubten nicht nur an ihren Manieren. Der gegenseitige Respekt war in seinem Geschäft zwar nicht Voraussetzung aber es erhöhte die Langlebigkeit ungemein. Trotzdem war er vom Leben auf der Strasse gezeichnet, wie auch seine Cousins in New York, Berlin oder Manila, aber immerhin war er noch am Leben – was man von gewissen Berufskollegen leider nicht behaupten konnte. Es war ihm wohl bewusst, dass es ihn jederzeit auch erwischen konnte – da machte er sich keine Illusionen. Sein Geschäft war schon immer billig gewesen und auf den ersten Blick auch ein äusserst oberflächliches. Es ging lediglich um diesen einen Augenblick, genauer gesagt waren es meistens vier Augenblicke. Eine gekaufte Momentaufnahme. Doch dieser Augenblick bedeutete ihm alles – er lebte nur für diesen Augenblick. Denn kaum war der Vorhang gefallen begann das grosse Kino: Es wurde geweint, gelacht, gestritten, geküsst, umgezogen, angezogen, ausgezogen… eigentlich waren alle Kunden nackt. Denn sie stellten sich seinem stets unvorteilhaften grellen Blick. Sie waren ihm ausgeliefert. Er wusste das und sie wussten das auch. Sie waren mit dem Ergebnis meistens unzufrieden und zeigten es ungern anderen – trotzdem kamen sie immer wieder. Gut, nicht alle. In den letzten Jahren hatte sich die Zusammensetzung seines Kundenstammes markant verändert. Der internationale Terrorismus oder besser, dessen Folgen waren daran schuld. Ja, auch er war nicht verschont geblieben. Doch im Gegensatz zu vielen anderen, war er dankbar um diese Entwicklung. Da er nie verreiste, konnte er seine diesbezügliche Meinung auch frei äussern. Denn seit im internationalen Personenverkehr die Sicherheitsvorkehrungen erhöht wurden und mit ihnen die Anforderungen an die Reisedokumente, hatte er keine Pflichtkunden mehr. Er hat keine Kunden mehr, die sich ihm gegenüber setzten, als hätten sie keine andere Wahl. Diese sassen meist, als wären sie auf einer öffentlichen Toilette, etwas verkrampft vor ihm, lächelten nie und regten sich anschliessend auf, dass sie nicht freundlich rüberkamen. Wie auch?! Zum Glück waren diese Zeiten Geschichte. Im Zeitalter der biometrischen Pässe konnte er sich genüsslich seinen Lieblingskunden zuwenden – den Nostalgikern. Und so lange es diese Nostalgiker noch gab, konnte er sich weiterhin um die persönlichste Oberflächlichkeit der Welt kümmern, den intimen Augenblicken auf weniger als einem Quadratmeter.
Jean-Paul Robin
3 Comments
Guter Schreibstil, gute Geschichte. Gefällt mir.
Dankeschön.
Sehr interessant geschrieben!