Pauls Kiefermuskeln waren angespannt – er auch. Zwei Tische weiter holte eine überschminkte Proseccotrinkerin erneut Luft und stellte Pauls Verdrängungsfähigkeit mit lauten Zoten und quälend schrillem Gelächter auf die Probe. Die sie umringenden Jünglinge waren höchst amüsiert – er nicht. Dann erzählte ein hagerer unansehnlicher Kerl namens Heinrich, von einer Party, an der niemand gewesen war – er selbst vermutlich auch nicht. Doch die Anwesenheit des farbenfrohen Papageis schien ihn zu beflügeln und der bereits reichlich geflossene Alkohol öffneten die Pforten seiner Phantasie. Wild gestikulierend und übermässig laut, schilderte er die Situation auf der Tanzfläche, welche sich wohl nur in seinen Träumen zugetragen haben konnte. Denn sein unsicheres Lachen, welches er nach jedem Halbsatz einwarf, und die Ausstrahlung eines in die Ecke geworfenen Taschentuchs, wollten so gar nicht zu seiner geschilderten Tanznummer vom letzten Abend passen. Sie hingegen spornte ihn mit ihrer Entenstimme an, sodass er sein Luftschloss in epischer Länge um mindestens zehn Stockwerke erhöhte. Sie spielte mit ihm und alle wussten es – er nicht. Sie griff sich seinen Schlips, zog sein Gesicht ganz nah an das ihrige und hauchte ihm zu, ob er nicht für sie seine Tanzkünste wiederholen könne. Als seine Augäpfel in ihr Décolleté zu fallen drohten, leerte Paul sein Glas.
Heinrich wurde verlegen, genoss aber ihre gespielte Bettelei und liess sich noch eine ganze Weile von ihr anflehen. Er stand nun plötzlich nicht mehr im Schatten ihres Scheinwerferlichts, sondern war Mittelpunkt des Geschehens. Sie wusste, dass er sich masslos überschätzte – er nicht. Heinrich war einer jener Menschen, die immer hinter den Kulissen arbeiteten und nie auf die Bühne gelassen wurden. Doch heute Abend war alles anders, dachte er – Paul nicht. Als sich die Frau noch näher an ihn schmiegte, spürte Heinrich den Tiger im Tank und sein Restverstand verabschiedete sich zeitgleich. Paul stand auf.
Heinrichs Hemd war aufgeknöpft und sie griff an seine Gürtelschnalle. Heinrich war voller freudiger Erwartung – sie auch. Paul liess sich nicht mehr lange bitten – sie auch nicht. Er griff in seine Tasche und bewegte sich flink hinüber. Bis Heinrich bemerkt hatte, dass er mit heruntergelassener Hose dastand und der ganzen Bar seine mit Schlümpfen bedruckten Boxershorts zeigte, hatte Paul schon mehrmals abgedrückt. So hatte sich das Heinrich nicht vorgestellt – Paul schon. Die Bilder dieser Darbietung amüsierten manchen, der an diesem Abend nicht dabei gewesen war und hatten keinen sonderlich positiven Effekt auf Heinrichs weiteren Karriereverlauf. Paul hingegen war froh, dass die Barbesucher nicht wussten, dass seine Frau immer so war.
Jean-Paul Robin