Einsamkeit

Grau, neblig, weder kalt noch warm, der Schnee teilweise geschmolzen und der Sommer noch viel zu weit weg. Ein trauriges Bild. Gedankenversunken schlendert er frühmorgens durch die noch menschenleere Altstadt. Allein. Müde. “Einsamkeit muss in diesen Tagen ein schwer zu ertragendes Gefühl sein”, sagt er zu sich. Er selbst hat Einsamkeit nie gemocht. Trotzdem zieht sie ihn ab und zu an wie der Fluss den Nebel. Dann fühlt er sich wohl in ihr – abgeschirmt, zugedeckt. Der Lärm wird ausgeschlossen, stillgelegt. Er ist dann allein mit sich selbst.

Wenn er wählen kann einsam zu sein, dann behagt es ihm sehr. Wird er von Aussen in die Einsamkeit gedrängt, ist es ein unerträglich beengendes Gefühl. Es fühlt sich an, als würde einem die Kehle zugeschnürt und alle schauen dabei zu. Als wäre er nackt unter Wölfen.

“Was für ein Geschenk, Einsamkeit wählen zu können”, murmelt er. Dann macht er sich auf den Weg nach Hause, um mit seiner Familie Weihnachten zu feiern und denkt dabei an jene, die keine Wahl haben, an jene, die nackt unter Wölfen im Nebel sitzen und deren Herzen bittere Tränen weinen.

Jean-Paul Robin

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6 Comments

  1. Bianka
    Posted December 24, 2009 at 12:02 pm | Permalink

    hey, wie schön Du das geschrieben hast!

    Das gefällt mir sehr gut, weil selbstgewählte Einsamkeit gut tut, auch ich kenne das Gefühl gut, Einsamkeit wählen zu können und mich zurückzuziehen, um mich zu finden. Das tut gut und ist ein wohlverdientes Gefühl, das jeder haben sollte.

    Ich wünsche Dir und mir, dass wir Einsamkeit immer wählen dürfen, damit wir uns nicht nackt fühlen. Der Vergleich, nackt unter Wölfen ist treffend. Diese Welt ist krank.

    Auf die selbstgewählte Einsamkeit und die Zusammentreffen aus freien Stücken;-)

    Ich liebe diese Freiheit, von der Du in dem Text sprichst.

    Weiter solche Texte, ich lese sie sehr gerne!

    Liebe Grüße,
    Bianka

  2. Bianka
    Posted December 24, 2009 at 4:32 pm | Permalink

    Darf ich Dir mit einem Zitat antworten?

    “Indem ich allein dahinmarschierte, fiel mir ein, daß ich im Grunde alle meine Wege so einsam gemacht habe, und nicht nur die Spaziergänge, sondern alle Schritte meines Lebens.”
    - Hermann Hesse, Eine Fußreise im Herbst

    Dein Text zur selbstgewählten Einsamkeit, die so heilsam, kreativ und erstrebenswert ist, hat mich gedanklich auf Hermann Hesse gebracht. Denn es kommt auf die Möglichkeit an, die Möglichkeit, wählen zu können. Aus Deinem Text geht das hervor.
    Ich wußte, dass ich mit ihm richtig liege, schon immer ;-) wenngleich ich noch kein einziges Wort von ihm kannte. Gibt es so was?
    Jetzt kenne ich Hermann Hesses Worte und ich finde zu tiefst: er hat Recht.

    Wie auch hier:

    “Das Beste daran war aber nicht das Küssen und nicht das abendliche Zusammenpromenieren und Heimlichtun. Das Beste war die Kraft, die mir aus jener Liebe floß, die fröhliche Kraft, für sie zu leben, zu streiten, durch Feuer und Wasser zu gehen. Sich wegwerfen können für einen Augenblick, Jahre opfern können für das Lächeln einer Frau, das ist Glück.”
    - Hermann Hesse, Eine Fußreise im Herbst

    Er beschreibt vertrauensvolle Hingabe, um Kraft der Liebe zu empfangen und er nennt sie “das Beste daran” – wie wahr(!) ich auch das finde.

    “Wie von einem Stück Spiegelglas ein Lichtstrahl reflektiert und in einen dunkeln Raum geworfen wird, so blitzt oft mitten im Gegenwärtigen, durch eine Nichtigkeit entzündet, ein vergessenes, längst gewesenes Stückchen Leben auf, erschreckend und unheimlich.”
    - Hermann Hesse, Eine Fußreise im Herbst

    Und darauf, dass es immer wieder aufblitzen wird, mitten im Gegenwärtigen, kann mann und frau vertrauen. Mir kommt es wie eine Gesetzmäßigkeit vor, denn es ist, was es ist.

    Liebe Grüße und frohe Weihnachten!
    Bianka

  3. Posted January 6, 2010 at 9:17 am | Permalink

    @Bianka
    Vielen Dank für Dein Interesse und die Zitate von Hermann Hesse – ich kannte sie noch nicht. Ich wünsche Dir alles Gute für dieses Neue Jahr und freue mich auf weitere Kommentare.
    Jean-Paul

  4. Posted January 8, 2010 at 9:18 pm | Permalink

    Lieber Jean-Paul
    ich hoffe, dieses Blog wird weiter wachsen. Solche Texte machen mehr als Lust auf mehr!
    Und in ein paar Monaten bist Du in jedem Fall mit Texten wie diesem auch ein Autor für
    blogbibliothek.ch
    (ein schon etwas länger betriebenes Blog ist dafür eine der Voraussetzungen).
    Auf jeden Fall wünsche ich Dir viel Befriedigung beim Schreiben!

  5. Posted January 9, 2010 at 9:17 am | Permalink

    Lieber Thinkabout
    Vielen Dank für Deinen Post und die Bekundung, dass Dir mein Schreibstil gefällt. Ich bleibe auf jeden Fall dran!
    Grüsse,
    Jean-Paul

  6. Simme
    Posted January 10, 2010 at 11:32 am | Permalink

    Es ist wundervoll geschrieben und wahrhaft auf den Punkt gebracht.
    Die Einsamkeit, die selbsterwählte kann in einen so zufrieden Zustand katapultieren, man betritt seinen innersten Raum, ist mit sich allein, kann seine Stille hören, die finden, erkennen, verstehen lässt…
    .. die Auferlegte kann erschlagen, unerträglicher Schmerz, tiefste Traurigkeit, Dunkelheit umhüllen das Dasein, man kann nicht zu sich, in seinen Raum finden, der Blick zum Licht wird nicht gesehen…
    Welch ein Segen, wenn man wählen kann!!

One Trackback

  1. By Platzhirsch on February 25, 2010 at 4:12 pm

    [...] nachdem er sich mühevoll die Vorteile des entspannten, gedankenverlorenen und stillen Alleinessens vor Augen geführt hatte. “Ist der Platz Ihnen gegenüber auch frei?” [...]

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