Da stand er. Diesmal neben einem Tankstellenshop. Es regnete – das Wasser stand ihm bis zum Hals. Er hatte schon bessere Zeiten gesehen: Seine Jugend verbrachte er gemeinsam mit seinem Bruder zunächst in einer schicken Boutique in der Nähe des Mailänder Doms und anschliessend auf mehreren Teppichetagen, in Anwaltskanzleien und in teuren Hotels, bevor sie ihren zweiten Frühling in einem Atelier südlich von Rom genossen. Doch nachdem sein Bruder auf tragische Art und Weise ums Leben kam – er wurde von einem Strassenköter zerfetzt – vermachte ihn sein Besitzer einer abgedrehten “Community”, welche Einzelschuhe über das Internet tauschte. Nun stand er da, die dunkelbraune Herrenstiefelette Grösse 43, und wartete auf seinen neuen Besitzer. Read More
Hindernis
Zahlreiche Hindernisse hatte er in seinem bisherigen Leben erfolgreich gemeistert: Landesmeister im 110-m-Hürdenlauf, Motorradfahren gegen den Willen seines Vaters, das Wirtschaftsstudium selbst finanziert, sich die Karriereleiter in einem internationalen Konzern erfolgreich emporgearbeitet, eine ältere Frau geheiratet und das Coming-Out seiner Tochter verständnisvoll aufgenommen. Read More
Zeitverschwendung
Dunkelheit. Noch dunkler. Lichtlos. Er hat sich verkrochen. Er weiss selbst nicht wohin, aber er ist allein – das ist gut so. Die Zeit vergeht – das ist ebenfalls gut. Zeit beruhigt, Zeit heilt. Read More
Neujahr – Restart oder Next Level?
Schwallartig spühlte sich die Beklommenheit ihre Kehle hinunter und begann sich in ihrem Körper zu verteilen. Das zuvor verbissene Pfefferkorn brannte noch auf ihrer Zunge, während sie spürte, wie die aus den Lautsprechern hämmernden Bässe ihren Brustkorb zusammen zu drücken drohten. Luft. Read More
Einsamkeit
Grau, neblig, weder kalt noch warm, der Schnee teilweise geschmolzen und der Sommer noch viel zu weit weg. Ein trauriges Bild. Gedankenversunken schlendert er frühmorgens durch die noch menschenleere Altstadt. Allein. Müde. Read More
man
Wer ist eigentlich “man”? “Man” verfolgt mich. Verallgemeinernd und anonymisierend schleicht es sich unbemerkt in mein Denken. Ist “man” ein Einzelgänger oder gibt es mehrere davon, und wenn es mehrere gibt, sind sie alle gleich oder unterschiedlich? Auf jeden Fall geht ein “man” nie spurlos an einem vorüber. “Man” übersieht niemand. “Man” beinflusst jeden.
“Man macht es einfach so!”
“Man” kann eine Stütze sein, aber auch eine nicht benötigte Krücke. “Man” behindert. Und trotzdem regt “man” zum Denken an. Um genau dies zu tun lehne ich mich entspannt in meinen Stuhl zurück, stelle meine Füsse auf die Tischkante und ignoriere genüsslich das dies verbietende “man”.
Jean-Paul Robin
Dazugehörigkeit
Dazugehörigkeit ist ein sonderbares menschliches Bedürfnis. Während die einen offen dazu stehen, haben viele “Individualisten” ihre liebe Mühe damit. Sie sind krampfhaft darauf bedacht sich von der Masse abzuheben, indem sie monogrammbestickte massgeschneiderte Hemden tragen, in Wagen mit Spezial-Lackierung und voller mit bedacht ausgewählter Extras fahren und sich ihre einzigartigen und unverwechselbaren Chuck Taylor All Stars mit “personal ID” über einen Bekannten, der gerade beruflich in New York weilt, bestellen.
Dass der Schneider eine Empfehlung des Arbeitskollegen war, die Wagenausstattung dem eigenen Status entsprechen muss – man muss einfach ein solches Fahrzeug besitzen – und die All Stars beim Nachbarn erspäht wurden, als er Sonntags zum Segeln ging, wird gerne als individuell zusammengestellte Lebensart verkauft.
Das Eingeständnis aber, dass somit das Bedürfnis “dazu zu gehören” befriedigt wird, ist einem solchen “Individualisten” so lästig wie einem Englischen Vollblut die um ihn herum kreisende Schmeissfliege.
Jean-Paul Robin