Oleg war gerade dabei die Türe zu seinem Geschäft abzuschliessen, als ihm warm wurde. Die Sonne schien. Doch die Wärme kam von Innen, obschon er nüchtern war. Er war glücklich; endlich. Er stieg in die Strassenbahn. Viel zu lange hatte er sich bemitleidet, hatte seinen Kummer in Alkohol zu ertränken versucht und wäre beinahe selbst darin ertrunken. Nach drei Jahren, in denen er vollgepumpt mit Liebesentzug nur noch funktionierte, hatte ihn das Mitleidsmeer an den Strand gespuckt und ihn wieder frische Luft atmen lassen. Seltsam nur, dass jene, die ihm damals beim Ertrinken verständnisvoll auf die Schulter geklopft hatten, ihn nun für einen Unmenschen hielten, weil er bereit war zu Leben. Gut, es war ein langer Weg gewesen. Nach Monaten voller Schmerz, Wut und Verzweiflung war er mit mitleidsvollen Blicken und tröstenden Worten ans Licht gezogen worden, was ihm aber beinahe zum Verderben wurde. Denn er begann die Zuwendung die ihm für immer versagt bleiben wird aus dem Mitleid seiner Mitmenschen zu beziehen. Er hatte die Geschichte schon so oft und in solch ausladender Üppigkeit erzählt, dass es jene eines beliebigen Mannes hätte sein können, der sein Kind bei einem Unfall verloren und dessen Frau ihn anschliessend verlassen hatte. Das dabei kalt werdende Herz hatte er sich jeweils mit Schnaps gewärmt, die innere Zerrissenheit betäubte er mit Tabletten. Erst die Nachricht vom Tode seiner Frau war stark genug gewesen ihn aufzurütteln. Er wollte nicht länger klagen, um Mitleid zu erregen, wollte nicht mehr lieben, um Gegenliebe zu erfahren. Er wollte frei sein, er wollte leben. Denn er hatte noch viel zu geben und es war noch nicht zu spät. Er zog seine Laufprothesen an und begab sich auf die erste Runde. Dabei kam ihm die Frage seines Sohnes in den Sinn, die er ihm vor Jahren an diesem Ort gestellt hatte. Er hatte ihn gefragt, “Papa, wieso dreht man sich im Kreis, wenn man davonläuft?” Er musste schmunzeln und drückte eine Träne weg.
Jean-Paul Robin
2 Comments
Unglaublich schön geschrieben, mir kommen fast Tränen. Wie ein paar Zeilen so viele Emotionen auslösen können…
Danke für deinen positiven Kommentar, Petra. Es freut mich sehr zu wissen, wie dieser Text bei dir angekommen ist.
Grüsse und hoffentlich bis bald,
Jean-Paul