“Ist an ihrem Tisch noch ein Platz frei?” Reflexartig antwortete er mit aufgesetzter Freundlichkeit: “Aber sicher.” Was hätte er auch sagen sollen, schliesslich sass er alleine an einem Tisch für Vier und das Restaurant war rappelvoll. Trotzdem verfluchte er leise seine anerzogenen Manieren, denen er soeben seinen Willen den Gast abzuweisen, mit lediglich zwei Worten und einem Lächeln untergeordnet hatte. Dabei hatte er sich schon darüber aufregen müssen alleine zu essen. Aber es war Grippezeit und mit der attraktiven Aushilfe zu lunchen fand er nicht angebracht, zumal er auch sonst nie mit Sekretariatspersonal Essen ging. Schlimmer fand er jedoch seinen frühzeitig reservierten Tisch mit aufdringlicher Laufkundschaft teilen zu müssen; insbesondere nachdem er sich mühevoll die Vorteile des entspannten, gedankenverlorenen und stillen Alleinessens vor Augen geführt hatte. “Ist der Platz Ihnen gegenüber auch frei?” “Bittesehr,” sagte er wieder mit aufgesetztem Lächeln inklusive einladender Handbewegung und dachte im selben Augenblick: “Bin ich denn bescheuert?” Jetzt war er nämlich gezwungen seinen Blick für die nächste halbe Stunde – mindestens – entweder auf das Tischtuch zu richten oder angestrengt links und rechts die minimalistische Innendekoration des Restaurants zu bestaunen. “Wieso musste der sich ausgerechnet auf diesen Platz setzen?”, dachte er, “Bist selber schuld! Ich Idiot habe ihn ja auch nicht davon abgehalten als ich noch konnte… Aber was hätte ich denn sagen sollen? “Verzeihen sie, aber mein Blick braucht etwas Privatsphäre,” das kann man doch unmöglich sagen.” – “Sind Sie öfters hier?”, fragte ihn sein Gegenüber. “Ja,” antwortete er und dachte gleich:”Jetzt nur keine Wetter- und was-machen-Sie-beruflich-Fragen…” “Eine schöne Aussicht hat man von diesem Tisch aus.” “Sie sind zum ersten mal hier?” “Ja.” “Beruflich in der Stadt?”
Jean-Paul Robin