Gemässigtes Klima (I)

Es wurde langsam dunkel, obwohl – eigentlich war es an diesem Tag gar nie richtig hell geworden. Gedankenversunken schlenderte Lene über den mit Schneematsch bedeckten Kiesweg. Kein knarrender Neuschnee, kein prickelndes Kies, es hörte sich vielmehr an wie Sand zwischen den Zähnen. Ein leichter Schneeregen setzte ein, als machte auch Petrus heute Kompromisse. 

Gemässigtes Klima nennt sich das,” dachte Lene. Eine junge Frau Mitte Dreissig, gutbürgerlich aufgewachsen, keine Exzesse in der Pubertät, mit liebevollen Eltern, die sich in gegenseitigem Einvernehmen scheiden liessen, kurz nachdem sie von Zuhause ausgezogen war – gemässigte Kindheit. Hitparadenmusik im Radio, Kassenschlager im Kino, Fitnessstudio für Bauch-Beine-Po – gemässigte Freizeit. Der Schneeregen formte sich langsam zu Schneeflocken und begann dichter zu fallen. Sprachaufenthalte in England und Frankreich, solide Ausbildung, WG-Zimmer, Sparen auf einen Kleinwagen - gemässigte Freuden. Der Wind frischte auf, der Schnee fiel stärker. Nie rebelliert, nie demonstriert, nie Luxus gewollt, nie Genuss ohne Reue zugelassen, gemässigte Ansichten, gemässigte Werte, weder feurig heiss noch eisig kalt - gemässigtes Klima halt. Eine Windböe erfasste Lenes blondes Haar und warf es ihr aus dem Gesicht. Ihre Augen blitzten: “Ein Sturm zieht auf,” sie schmunzelte.

Jean-Paul Robin


 

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4 Comments

  1. yaneke
    Posted January 22, 2010 at 1:30 pm | Permalink

    wie wunderbar leicht trotz Tiefe, wie anregend und zugleich hinterfragend…eben nicht “gemässigt”!

  2. B
    Posted January 22, 2010 at 1:47 pm | Permalink

    Lene braucht ein Teilchenbeschleuniger!… Jean-Paul erkläre uns das Leben! Mach weiter so wir brauchen dich!

  3. Posted February 3, 2010 at 3:26 pm | Permalink

    … so denke ich, ist es. Gemässigt, regulär, gewöhlich… Das kann nicht befriedigend sein!
    Deine Texte lesen sich sehr flüssig und angenehm, auch gefällt mir deine Art Fragen zu stellen und zum Denken zu bewegen…

    Liebe Grüße =)

    • Jean-Paul Robin
      Posted February 4, 2010 at 10:52 am | Permalink

      Es freut mich sehr, dass Dich meine Texte zum Nachdenken anregen und hoffe, dass mir dies auch in Zukunft gelingen wird.

2 Trackbacks

  1. By Gemässigtes Klima (II) on February 25, 2010 at 4:21 pm

    [...] gewesen, als sie ihr bisheriges Leben Revue passieren liess und feststellte, dass es äusserst gemässigt verlaufen war – zu gemässigt. Während Lene damit begonnen hatte ihre Gedanken graduell zu [...]

  2. By Gemässigtes Klima (III) on February 25, 2010 at 4:22 pm

    [...] war mit Mitte Dreissig aus ihrer Mittelmässigkeit erwacht, hatte ihr gemässigtes Leben mit letzter Kraft aus sich heraus geschrien und hatte zum [...]

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