Gemässigtes Klima (III)

Lene war mit Mitte Dreissig aus ihrer Mittelmässigkeit erwacht, hatte ihr gemässigtes Leben mit letzter Kraft aus sich heraus geschrien und hatte zum ersten mal ihr wahres Ich gespürt, als sie unerwartet von einer in die Jahre gekommenen Limousine erfasst, und wieder auf den Boden der Tatsachen geschleudert wurde. Sie spürte nichts mehr.

Sie fühlte weder die Kälte des sich über ihr entladenden Wintersturmes noch die Restwärme in ihren Adern. Sie wusste weder wo oben noch unten war und hatte jegliches Zeitgefühl verloren. “Wie lange lag sie nun schon im Dunkeln? Lag sie überhaupt?” – Aber ihre Gedanken waren allem Anschein nach frei. Sie begann Gefallen an diesem Zustand zu finden, denn sie hatte nun mehr als in ihrem gesamten bisherigen Leben. Sie war alleine mit ihren Gedanken. Während sie früher Angst vor einem solchen Zustand gehabt hätte, vor dieser nicht selbstgewählten Einsamkeit, fühlte sie sich auf einmal von dieser geborgen, aufgehoben, abgeschirmt. Die Einsamkeit erlaubte ihr sich ohne störende Einflüsse auf ihre Gedanken zu konzentrieren, während die Leere in der sie sich augenscheinlich befand sie dazu befähigte ihr Leben am Reissbrett neu zu entwerfen. Sie wusste was gewesen war, nicht was sein wird. Sie wusste was nicht gewesen war, aber was sein könnte. Ihr altes Leben ausgeknipst, skizzierte sie ein neues wie sie es gerne hätte – wie sie es brauchte. Dabei ersetzte sie nicht alles was war, denn ihr altes Leben war ihre Höhlenmalerei. Sie wollte vielmehr ihr altes, eintöniges Leben ausbauen - mehr kühle Gedanken und heisse Gefühle in ihr gemässigtes Klima einschiessen. Als sie mit ihrer Lebensskizze fertig war stellte sie fest, dass sie noch immer nichts fühlte, dass sie noch immer von Dunkelheit und Grabesstille umgeben war.

Sie entschloss sich ihre Augen zu öffnen. Das Morgenlicht blendete sie und sie schloss die Augen gleich wieder. Wo war sie? Sie öffnete ihre Augen erneut, diesmal nur einen Spalt weit. Da läutete das Handy neben ihr. – “Ja?”, sprach sie leise in das Mikrofon. “Lene?”, fragte eine verwunderte Männerstimme. - “Am Apparat. Wer ist da?” – “Ich bin’s, Max. Hast Du Dich erkältet?” – “Nein, wieso?” – “Du hast eine extrem heisere Stimme.” – In ihren Augen blitzte wieder der Funke auf und sie musste schmunzeln: “Ich war an einem Rockkonzert und wurde ziemlich durchgeschüttelt.” – “Du? An einem Rockkonzert?”, tönte es ungläubig aus der Leitung. – “Ja. Ich.”

Jean-Paul Robin

This entry was posted in Free Your Mind and tagged , , , , . Bookmark the permalink. Post a comment or leave a trackback: Trackback URL.

Post a Comment

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *

*
*

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>

Optionally add an image (JPEG only)

Blog Top Liste - by TopBlogs.de Blogverzeichnis - Blog Verzeichnis bloggerei.de