Lene war auf dem Heimweg gewesen, als sie ihr bisheriges Leben Revue passieren liess und feststellte, dass es äusserst gemässigt verlaufen war – zu gemässigt. Während Lene damit begonnen hatte ihre Gedanken graduell zu beschleunigen, war auch das Wetter aus seiner Mittelmässigkeit erwacht – Petrus hatte kompromisslos einen Wintersturm zusammengebraut.
Lene arbeitete in der gemässigten Zone einer Bankfiliale – im mittleren Kader. Während den fetten Jahren waren ein paar Hitzköpfe an ihr vorbei in den Hauptsitz gestiegen, in letzter Zeit hatte sich aber manch krisengekühlter Heisssporn wieder unter ihr eingereiht, was sie in ihrer Risikoaversion bestätigt hatte. Sie war trotzdem ein Angsthase! Die Schneeflocken peitschten über ihr Gesicht – ihre linke Backe fühlte sich bereits an wie nach einem Zahnarztbesuch. Doch war nicht ihr ganzer Körper, ja sogar ihr Geist seit Jahren schon taub? Ihr Leben plätscherte in einem Kanal gemässigt dahin, beruhigende tägliche Routine mit portionierter Zerstreuung an emotionalem Einheitsbrei. Ihr war kalt – schliesslich hatte sie nicht damit gerechnet, dass heute das Wetter umschlagen würde. Sie hielt sich die klammen Hände schützend vors Gesicht und stemmte ihren feingliedrigen Körper Schritt für Schritt gegen den Wind. Sie war wütend! Sie war wütend auf sich, weil sie den Wetterbericht nicht gelesen hatte, weil ihr jetzt kalt war, weil der Weg nach Hause noch weit war und weil sie während mindestens fünfzehn Jahren in einem selbstverursachten Wachkoma gelegen hatte! Sie hatte sich von ihren Eltern ihre Kindheitsträume ausreden lassen, hatte sich als Teenager der Gruppenzugehörigkeit zuliebe angepasst und wartete seit über zehn Jahren auf ihren Traumprinzen im Aussendienst, als würde dieser auf der Suche nach ihr von Haustüre zu Haustüre gehen! Sie ballte ihre Hände zu weissen Fäusten zusammen und führte sie zur Brust, dann öffnete sie ihren Mund, presste die Augen zusammen und schrie so wie sie noch nie geschrien hatte – sie hatte noch nie zuvor in ihrem Leben geschrien. Als ihr die Luft ausging, atmete sie noch mehr kalte Luft ein und schrie sie in die Dämmerung. Als ihr die Kraft fehlte, um auf den Beinen stehen zu bleiben, sank sie auf die Knie – und schrie weiter. -
Schliesslich verstummte sie. Sie stand auf. Ein müdes aber zufriedenes Lächeln huschte über das gerötete Gesicht. Nun spürte sie ihren Körper, sie spürte sich selbst, sie wusste was sie all diese Jahre verdrängt hatte und sie wusste, dass jetzt die Zeit gekommen war ihr Leben zu leben. Sie fühlte sich endlich lebendig! Voller Tatendrang rannte sie den Kiesweg entlang. Sie spürte den kühlenden Schnee im Gesicht. Dann spürte sie den vereisten Asphalt unter ihren Füssen, blickte nach rechts, sah die Scheinwerfer – dann spürte sie nichts mehr.
Jean-Paul Robin
4 Comments
gerne hätte ich lenes leben weiterverfolgt….
Immer diese Hektik… Hier: http://le0816.com/free-your-mind/gemassigtes-klim…
Grüsse, J.-P.
Lass Lene bitte im Krankenhaus erwachen … bitte. Ich will ihre glühenden Wangen sehen, wenn sie ihrem Chef den Schreibtisch umkippt.
den Typen, der sie abblitzen läßt den teuren Lack zerkratzt und wie sie jauchzend den Frühling erlebt.
Okay, die Geschichte hat Schockpotenzial. Lass es so.
Liebe Grüße,
Bianka
Es klingt an. Deine, meine, unser aller Geschichte. Aus einem scheinbar beliebigen Blickwinkel betrachtet, mit präzisen Worten kondensiert. Dabei ist unwichtig, wann und wie man aus dem Wachkoma gerissen wird, sondern ob man es zulassen will.