Author Archives: Jean-Paul Robin

Platzhirsch

“Ist an ihrem Tisch noch ein Platz frei?”  Reflexartig antwortete er mit aufgesetzter Freundlichkeit: “Aber sicher.” Was hätte er auch sagen sollen, schliesslich sass er alleine an einem Tisch für Vier und das Restaurant war rappelvoll. Trotzdem verfluchte er leise seine anerzogenen Manieren, denen er soeben seinen Willen den Gast abzuweisen, mit lediglich zwei Worten und einem Lächeln untergeordnet hatte.

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Der Serientäter an der Ecke

Er schätzte es, wenn man ihm auf gleicher Augenhöhe begegnete. Und obschon er schon oft herablassend behandelt worden war, hielten sich die meisten daran und schraubten nicht nur an ihren Manieren. Der gegenseitige Respekt war in seinem Geschäft zwar nicht Voraussetzung aber es erhöhte die Langlebigkeit ungemein. Trotzdem war er vom Leben auf der Strasse gezeichnet, [...]

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Gemässigtes Klima (III)

Lene war mit Mitte Dreissig aus ihrer Mittelmässigkeit erwacht, hatte ihr gemässigtes Leben mit letzter Kraft aus sich heraus geschrien und hatte zum ersten mal ihr wahres Ich gespürt, als sie unerwartet von einer in die Jahre gekommenen Limousine erfasst, und wieder auf den Boden der Tatsachen geschleudert wurde. Sie spürte nichts mehr.

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Gemässigtes Klima (II)

Lene war auf dem Heimweg gewesen, als sie ihr bisheriges Leben Revue passieren liess und feststellte, dass es äusserst gemässigt verlaufen war – zu gemässigt. Während Lene damit begonnen hatte ihre Gedanken graduell zu beschleunigen, war auch das Wetter aus seiner Mittelmässigkeit erwacht – Petrus hatte kompromisslos einen Wintersturm zusammengebraut. Lene arbeitete in der gemässigten [...]

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Der Fremde aus Norwalk

Noro war neu in der Stadt. Ursprünglich aus Norwalk, Ohio, fühlte er sich mittlerweile überall Zuhause. Kurzentschlossen besetzte er ein verlassenes Haus neben dem renommierten Restaurant “Chez Moi”. Das Haus war etwas heruntergekommen und es roch nach Abwasser, aber das störte ihn nicht; im Gegenteil: Das war die perfekte Location. Ob ihm die Hausbesetzung Ärger [...]

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Subventionierter Geschmack?

Tiné griff zum Becher und trank einen grossen Schluck daraus. Sie sass auf einer alten Holzbank am Rande einer Bergwiese. Die Sonne schien ihr ins Gesicht. Die Tautropfen verdampften.

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Gemässigtes Klima (I)

Es wurde langsam dunkel, obwohl – eigentlich war es an diesem Tag gar nie richtig hell geworden. Gedankenversunken schlenderte Lene über den mit Schneematsch bedeckten Kiesweg. Kein knarrender Neuschnee, kein prickelndes Kies, es hörte sich vielmehr an wie Sand zwischen den Zähnen. Ein leichter Schneeregen setzte ein, als machte auch Petrus heute Kompromisse.

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Das Teilchen

Das Teilchen hatte ihn, seit er heute früh aus dem Haus gegangen war, begleitet  - vielleicht auch schon länger. Er wusste es nicht. Aber jetzt war es sicherlich verschwunden, er hatte ja soeben einhändig geduscht. Zumindest ging er davon aus, dass es verschwunden war – dessen sicher war er sich nicht.

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Morgens im Bus

Wie jeden Mittwochmorgen stand Vladimir an der Bushaltestelle; drei Schritte rechts vom Fahrkartenautomaten und einen halben Schritt vorm Bordstein. Seine Freitag BEN hatte er eng um den Oberkörper geschlungen, die linke Hand in der Hosentasche, in der rechten Hand hielt er seinen weissen Langstock. Der Bus rollte heran und hielt mit einem Zischen. Die Türen [...]

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Pablo geht zur Schule

“Hast Du Pedro gesehen?”, fragte ihn ein Mitschüler mit einem Gesicht zwischen den Piercings. “Hallo, ich heisse Pablo”, antwortete er. – “Mir doch egal! Hast Du jetzt Pedro gesehen oder nicht?”. – “Es tut mir Leid, ich kenne keinen Pedro”. Mürrisch stapfte das sichtlich genervte Piercinggesicht davon: “Der Penner hat sich sicher wieder verlaufen!”. Jean-Paul Robin

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